Räuber in der Krise

DSC00374Fast fühlt es sich so an, als wäre man im Mannheim des Jahres 1782, dem Jahr, in dem Schillers „Die Räuber“ dort im Nationaltheater uraufgeführt wurde. Die Zuschauer sind unruhig, das Stück ist es auch – und ehrlich gesagt weiß auch ich dieses Mal nicht so recht, was ich dazu sagen soll. Sehenswert und ein absolutes Muss ist das Stück in der Inszenierung von Calixto Bieito in jedem Fall, vielleicht gewollt angelehnt an die Inszenierung damals, welche von den Einen als skandalös empfunden wurden, von den Anderen als genau angebracht, nicht zuletzt wegen der kritischen Haltung dem Feudalsystem gegenüber.

So also auch im Jahre 2015 in Mannheim. Schiller, das wissen wir, kann dieser Inszenierung nicht mehr heimlich beiwohnen, aber er hätte sicherlich seine Freude daran gehabt (nicht zuletzt wegen der Spaltung des Publikums). Die Bühnentechnik ist überwältigend und viel – da bewegt sich ein Haus über die Bühne, im Hintergrund gibt es „Wald- und Wiesenszenen“ auf Leinwand und mittendrin ergießt sich ein Regen über die Schauspieler. Das ist es allemal wert, das gut zwei Stunden lange Stück zu sehen. (Wem das nicht reicht: Es gibt auch nackte Haut zu sehen…) Vor allem aber hat mir der Schwerpunkt dieser Inszenierung gefallen. Es geht nicht nur um das Räubersein, sondern viel mehr um den Konflikt der ungleichen Brüder, ihre Konflikte untereinander, mit dem Vater, der Liebe und dem Leben. Dieser Fokus gibt dem Stück neue (ungewohnte) Dramatik.

Hier ist Vater (und [prügelnder] Pater!) Graf von Moor kein liebenswerter Alter, dem das Herz durch den intriganten Zweitgeborenen gebrochen wird. Jacques Malan hat etwas Dunkles, es wird fast verständlich, dass sein Sohn Franz in diesem Mann nach Liebe sucht. Denn Franz (verletzlich, lüstern und einsam: Sascha Tuxhorn) sieht sich gegenüber seinem älteren Bruder Karl (nicht nur von der Natur) benachteiligt. So intrigiert er mehr aus Verzweiflung denn aus Hass gegen diesen. Er unterschlägt seinem Vater ein Reuegesuch des Bruders, der es während des Studiums in Leipzig wild getrieben hat. Eingelullt durch den Jüngeren, verstößt Maximilian seinen Karl und Franz wird Alleinerbe. Nun beginnt das eigentliche Drama: Franz verzweifelt, denn er kann nicht mehr zurück kehren zu seiner Familie und seiner Geliebten Amalia. Er geht in die böhmischen Wälder, wird (aus Verzweiflung?) ein Räuber und Mörder. Und Franz versucht, seinen Vater zu töten und Amalia für sich zu gewinnen. Karl (mal wild, mal sanft, eben (k)ein echter Räuber: David Müller) fühlt sich in der Rolle des Räuberhauptmannes aber nur solange wohl, bis die Gewalt in der Bande überhand nimmt. Mit dafür verantwortlich sind vor allem Julius Forster (herrlich psycho) und Boris Koneczny (ein aalglatter, böser Spiegelberg). [Und ja, es sind sehr „moderne“ Räuber…] Karl will zurück, nicht zuletzt, als ihn eine Begegnung mit einem neuen Räuber an seine geliebte Amalia erinnert (beide Rollen, was soll ich sagen, die vielseitige und wunderbare Katharina Hauter). Doch Karls Rückkehr nach Hause endet mit Toten…

schiller

Klischeehaft ist es ja schon ein wenig, das Drama, dessen zentrales Motiv der Konflikt zwischen Verstand und Gefühl, zentrales Thema das Verhältnis von Gesetz und Freiheit, hier unter das Leitmotiv eines Familienkonfliktes dar zustellen. Es mag nicht Jedermanns Sache sein, sorgt daher für Unruhe und gespaltene Meinungen, wie einst Schiller selbst. Ein Stück, über das es noch so Vieles zu sagen gäbe, das aber am Ende doch eher sprachlos macht.

„Was Medikamente nicht heilen, heilt das Messer; was das Messer nicht heilt, heilt das Feuer; was aber das Feuer nicht heilt, das muss als unheilbar betrachtet werden.“

Die Räuber – IM RAHMEN DER 18. INTERNATIONALEN SCHILLERTAGE 2015: https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/schauspiel/stueck_details.php?SID=1969

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