Rein oder nicht rein (gehen und „Hamlet“ sehen)?

DSC_0001Um die Frage in der Überschrift zu beantworten: Ganz klar rein gehen und Hamlet im Nationaltheater Mannheim sehen. Zuvor allerdings die Erwartungen an den Shakespeare-Stoff zurück schrauben! Dann wird es ein erstklassig gespielter und unterhaltsamer Abend. Wer aber kommt, um Shakespeare zu sehen, der ist hier leider an der falschen Adresse und könnte möglicherweise ein wenig pikiert sein, über die „Verfremdung“, die das Stück hier erfährt.

Das lässt schon der Aufbau des Bühnenbildes erahnen, das an eine weiße Halfpipe aussieht und ansonsten eher karg ist.  Übermütig tollen Hamlet und Ophelia herum. Wunderbar verrückt und so fesselnd, spielt Julius Forster seinen Hamlet, der meistens dem Wahn näher ist, als dem Leben. Schon er alleine macht dieses Stück sehenswert. Ein Glück, dass seine (Spiel-)Partnerin die unvergleichliche Katharina Hauter ist. Ihre Ophelia ist auf ihre ganz eigene Art so zart und verletzlich. Mitten hinein in das unbeschwerte und doch melancholische Dasein der beiden, platzt das Erscheinen des Geistes von Hamlets Vater (Klaus Rodewald). Was muss ich noch an Worten über Klaus Rodewald sagen? Sobald er die Bühne betritt, dominiert er sie auch. Wenn er auch in Forster einen nicht weniger präsenten Spielpartner hat.

DSC_0002Der Vater von Hamlet ist plötzlich gestorben. In dieser Version ist er kein König, sondern ein Firmenmogul. Der Geist behauptet nun, sein Bruder, also Hamlets Onkel, habe ihn ermordet. Und er fordert Rache durch seinen Sohn. Onkel Claudius (Stefan Reck, viel zu nett für einen Schurken!) hat inzwischen Hamlets Mutter Gertrud (Anke Schubert, großartig kaltherzig) geheiratet und übernimmt mit ihr die Leitung der Firma. Hamlet, desinteressiert daran und dennoch der rechtmäßige Erbe, wird zunehmend eifersüchtiger auf die Mutter, ihr neues Glück, dass sie so einfach den Vater vergessen hat – und wahnsinniger wird er im gleichen Maß. Sein Wahn reißt sie schließlich alle zusammen in den Abgrund, auch Ophelias Vater Polonius (Edgar M. Böhlke, erinnert in seiner Erscheinung an Blacky Fuchsberger) und die bezaubernden „Wachhunde“ Rosencrantz (Matthias Thömmes, sehr 90er Jahre!) und Guildenstern (Sven Prietz, niedlich hözern), das schwule Pärchen, das am Ende des Stücks mein ganzes Mitgefühl erregt hat.

Helena Daehler, die das Stück nicht nur musikalisch umrahmt, ist nicht nur Rahmen, sondern wirkt aktiv im Geschehen mit. Das ist am Anfang etwas verwirrend, da sie keine „klassische“ Rolle übernimmt, sondern immer sie selbst bleibt. Ihr Erscheinen reiht sich aber ein in die Reihe ihrer Auftritte der Stücke, u.a. bei Emilia Galotti. Ihre Lieder auf Schwiizerdütsch gehören schon fast zu den Stücken von Elmar Goerden dazu.

DSC_0003Ich mag zu modern inszenierte Stücke eigentlich nicht. Aber trotz allem muss ich zugeben, dass ich fasziniert bin von dieser Version. Mein Highlight, da unerwartet und unverschämt witzig, war die Tischrede Hamlets am Weihnachtstag; im Stück unbedingt darauf achten…

William Shakespeares wohl berühmteste Tragödie, uraufgeführt 1601, zeigt eine Welt, die aus den Fugen gerät, und in der die Grenzen zwischen Realität, Intrigentheater und Verfolgungswahn verwischen. Und daran hält sich auch Goerden, auf seine Weise.
Gut, dass es in der Ankündigung daher gleich „nach William Shakespeare in der Fassung von Elmar Goerden“ heißt.

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