Wohin denn ich?

Quelle: Julia Engelmann

Ich gebe  es ungerne zu, aber es ist wohl so: Ich befinde mich in der Quarterlife Crisis, ja, diesen Begriff gibt es wirklich. Wikipedia sagt, sie sei der „Zustand der Unsicherheit im Lebensabschnitt nach dem Erwachsenwerden“ – und genauso fühle ich mich. Ich bin seit einigen Wochen dreißig Jahre alt. In meinem Alter war meine Mutter schon sechs Jahre verheiratet, ich war fünf Jahre auf der Welt.

Ich habe neulich gelesen, dass sich die Adoleszenz, das Erwachsensein, immer weiter nach hinten verschiebt – und wenn ich mich so in meinem Freundeskreis umsehe, oder nur mich als Beispiel nehme, dann habe ich das Gefühl, dass das wirklich stimmt. Ebenso habe ich neulich einen wunderbaren Artikel gelesen. „Das Jetzt ist eine Wartehalle“ beschreibt den Zustand meiner Generation, den Zustand der Generation Y, schmerhaft genau.

Darauß stammt folgendes Zitat: Meine Mitbewohnerin, die so alt ist wie ich, beendete kürzlich ganz ernst einen Satz mit „Und dann saßen neben uns noch ein paar Erwachsene“. Ich glaube, das beschreibt ganz gut, wie es ist. Viele von uns, nicht alle, aber viele, würden sich niemals als erwachsen bezeichnen, auch wenn der zwanzigste Geburtstag schon eine ganze Ecke her ist. Ich bin beleidigt, wenn Teenager mich siezen. Ich bedanke mich, wenn ich an der Kasse wegen der Flasche Gin nach dem Ausweis gefragt werde. […]Einen Tag vor meinem 30. Geburtstag stieg ich in den Bus. Er war voller lärmender Grundschüler. Eifrig erhob sich ein dicklicher Junge: „Wollen Sie sich setzen?“ – Ist es also egal, ob 18 oder 30, ob 45 oder 77. Dabei fühle ich mich gar nicht so alt, wie ich bin! Ganz zu schweigen davon, dass heute 13-Jährige älter aussehen, als ich!

Als ich 18 war, habe ich ein 14-tägiges Praktikum in einem Kindergarten absolviert. Eines Morgens fragte mich die kleine Gianna: „Wie alt bist Du?“ „18“, antwortete ich. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen: „SOOOOO alt?“ Sie dachte einen Moment nach. „Hast Du einen Mann?“ „Nein, ich habe keinen Mann“. „Hm. Kochst Du dann für Dich alleine?“

Wenn man ein Kind ist, dann ist 18 unvorstellbar alt. Und die Werte, mit denen man sein Leben und seine Ziele definiert, eben diese: Mann, Familie, keine Einsamkeit.

Auch Julia Engelmann beschreibt diesen Zustand in ihren Gedichten. Wenn man darüber spricht – oder von Anderen Ähnliches hört, ist es nicht mehr so beängstigend, nicht zu wissen, wen oder wann man heiratet. Ob man eines Tages Kinder haben wird, will oder kann. Oder nicht weiß, was man eigentlich arbeiten will (oder kann). Ich kann mir für mich alles oder nichts vorstellen, und eigentlich will ich es auch gar nicht so genau wissen. Es ist Jammern auf höchstem Niveau: Wir, die Generation Y, lassen uns Dahintreiben, aus Angst, irgendwo ankommen zu müssen. Ich bin schon überfordert, wenn ich Termine ausmache, die ich einhalten muss. Von wöchentlichen Verpflichtungen möchte ich gar nicht reden. Selbst ein Treffen mit Freunden wird zu einer schweißtreibenden Herausforderung. Und wenn man dann doch einmal nichts zu tun hat, erscheint der Tag langweilig und eintönig. Meine Berufswünsche pendeln zwischen Nobelpreisträgerin und Hausfrau und erfassen jede Nuance dazwischen. Zurzeit arbeite ich als Nachhilfelehrerin. Ich opfere mich auf, nicht für alle Schüler, aber für die, die es wert sind. Und es ist mir eigentlich ganz recht, dass darüber Einiges an Arbeit liegen bleiben muss.

Uns, den Ende der Achtziger Geborenen, wird gesagt, dass man flexibel sein muss, dass nichts für immer ist und die Rente sowieso nicht mehr existiert, bis wir dran sind. In uns paart sich Unverbindlichkeit mit Fatalismus und einem Schuss abenteuerlustigem Tanz-am-Abgrund-Gefühl. Heraus kommen dabei entweder BWL-Studenten mit 60-Stunden-Praktika oder solche wie ich.

Meine Tage strukturieren sich um die Arbeit. Morgens tue ich nicht allzu viel. Ich lese und beantworte E-Mails, mache eventuell (und unter tausend Schweißausbrüchen) Termine aus. Das Zimmer müsste gesaugt werden und der Schrank ein- und aufgeräumt. Aber das geht auch morgen noch. Am Mittag muss ich zur Arbeit. Dafür bereite ich Unterricht vor oder nach. Ansonsten habe ich keine Verpflichtungen für diesen Tag. Und das klingt wirklich himmlisch, ich weiß. Aber mittlerweile ist es eine Art Dauerzustand für mich und ich kann gar nicht so oft gähnen, wie es mich ermüdet.

Nebenbei, dachte ich, kann ich fix promovieren. Aber das war ein fataler Denkfehler. Meine Materialien habe ich sorgfältig zusammen getragen, die Lektüre farblich vorbereitet. Das Dokument angelegt. Aber das Nebenbei findet dennoch nicht statt. Ich kann nicht auf beiden Festen gleichzeitig tanzen. Dazu reichen Konzentration und Stärke nicht aus. Wenn mich meine Schüler fragen: „Was arbeitest Du eigentlich?“, antworte ich: „Ich promoviere“.  Das klingt nach viel Arbeit und viel Intelligenz, aber ehrlich, das ist es nicht. Es fühlt sich an, als würde ich einfach auf eine sehr lange Zeit verteilt einen sehr, sehr langen Aufsatz schreiben. Die meisten meiner Freunde, die mit mir zusammen studiert haben, sind weg, weil sie nicht promovieren wollten, sondern arbeiten. Die Freunde, die noch hier sind, studieren noch und haben den ganzen Tag Vorlesungen und Seminare und bereiten Referate vor. Nur ich bin einfach so da. 

DSC00050Was danach kommt, weiß keiner

Das Jetzt ist eine große, langweilige Wartehalle. Aber vor dem Danach habe ich auch Angst, weil das Danach bedeutet, in die wirkliche Welt zu müssen. Die Uni ist ja nicht die wirkliche Welt. Die Uni ist eine Käseglocke mit Semesterticket und Studentenversicherungen, WG, Mensaspargel für zwei Euro, und für alles gibt es eine Beratungsstelle. Wir haben viel Zeit, ohne dass uns jemand sagt, wir hingen nur rum, denn wir studieren ja, wir machen etwas Wichtiges und Respektables und arbeiten mit unserem Kopf. Genauso ist es mit der Arbeit. Ich arbeite mit dem Kopf und bin abends geistig ausgelaugt. Daher bleibt für das Promovieren wenig übrig.

Beim Arbeiten denke ich, sehe ich das richtige Leben. Aber dann, facebook auf, heiraten Schulkameraden, bauen Häuser, bekommen Kinder. Und was ist mit mir? Ich bin wieder nur so da. Irgendwo. Irgendwie.

Es gibt Dinge, die stellt man sich im Vorhinein spektakulärer vor, als sie dann tatsächlich sind. Der erste Schultag, der erste Sex, das Abi – und Doktorand werden. Ich stellte es mir jedenfalls wahnsinnig hürdenreich und aufregend vor, eine Promotion anzufangen, so surreal und abgehoben, weil, Doktorarbeiten schreiben ja irgendwie immer nur die anderen. Es ist auch nicht so, als hätte ich das schon immer unbedingt vorgehabt, aber in Kunstgeschichte ist es wie in Bio oder Chemie: Entweder du promovierst, oder du sortierst im Rewe die Regale ein. (Kann eine Germanistin nur bestätigen).

Viele denken, man ist selber schuld daran, wenn man halt Kunstgeschichte studiert, […] Wir sind einfach zu viele. […] Unvermeidlicherweise kam ich dann irgendwann in eine sehr große Welchen-Sinn-hat-mein-Fach-Krise. Diese Krise ist vor allem unter Geisteswissenschaftlern weit verbreitet, ausgelöst durch das gehäufte Hören der schlimmsten Frage, die man Studenten stellen kann: „Und was macht man dann damit?“ Wenn ich für jedes Mal, bei dem mir diese Frage gestellt wurde, einen Euro bekommen hätte, müsste ich sie heute nicht mehr beantworten. Am Anfang habe ich noch verschämt geguckt und dann eine sehr lange Antwort gegeben, […]] Inzwischen beantworte ich die Frage nicht mehr.

Die Uni ist ein bisschen wie der erste Tag am Gymnasium: Die Kleinen schauen die Großen an und denken, dass sie niemals so gebildet und erwachsen und abgeklärt sein könnten. Und die Großen schauen die Kleinen an, fragen sich, wo die letzten fünf, sechs, sieben Jahre geblieben sind, und kreischen dann auf Partys immer ein bisschen zu laut, um sich selbst zu versichern, dass es noch ein langer Weg bis zum Altsein ist. So ist es an der Uni auch, aber grausamer. Weil für die Abiturienten das Leben ja trotzdem irgendwie gerade erst anfängt, aufregend zu werden. Wenn man an der Uni beginnt, alt zu werden, weiß man: Jetzt kommen nur noch Bausparvertrag und Kindersitz.

Wohin geht man denn dann? Wenn man wie ich keine Ahnung hat, weil man weder eine bevorstehende Hochzeit noch ein Wahnsinns-Jobangebot hat, dann ist das eine ziemlich schwierige Frage. Ich habe keine Ahnung. An manchen Tagen macht mir das große Angst. Dann bleibe ich im Bett, gucke „Friends“, und wenn das Telefon klingelt, geh ich nicht ran. Die letzte Woche war voller solcher Tage.

Auch ich sehe mir dann eine stumpfsinnige Sendung an, meistens im Abendprogramm. Unter Tag lese ich dann ein Buch. Oder ich gehe ins Theater. Weltflucht nennt man das wohl. Quarterlife Crisis go home!

Wer herausfinden will, ob er/sie sich in der Quarterlife Crisis befindet, kann sich hier testen: http://www.quarterlife-crisis.de/test.html PS – Ich habe 56 Punkte = 78 % der Gesamtpunkte erreicht. Nur hilft mir die Auswertung nicht weiter. Überraschung!

 

Alle kursiv gesetzten Sätze sind Zitate aus http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tabea-mussgnug-ueber-die-generatin-y-13697858.html.

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Eine Antwort zu Wohin denn ich?

  1. amberbernstein schreibt:

    Sehr wahr, was du da schreibst.

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