Von den vielen (Lebens-)Schulden

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Premieren muss man feiern – vor allem, wenn es gelungene Premieren sind. Daher haben wir nach dem Besuch der Premiere des Stückes „Betty“ im Schauspielhaus des Nationaltheaters Mannheim unsere Gläser erhoben.

Leider im nicht ganz ausverkauften Haus, fand am 25. April 2015 die Erstaufführung statt. Und das Stück hätte wirklich volles Haus verdient.  Schließlich ist es ein aktuelles Stück, voller Brisanz, aber ebenso voller alter Konflikte des menschlichen Daseins. Nicht nur von den vielen (Lebens-)Schulden erzählt das Off-Broadway-Stück „Betty (DSE)“ von Laura Marks. Nach der Finanzkrise in den USA 2007 stehen allerorts Häuser leer – bewohnbare Häuser. Die alleinerziehende Crystal (vom naiven, alleinerziehenden Blondchen bis hin zur kalkulierenden, thoughen Frau alles dabei: Sabine Fürst) hat während eben dieser Krise auch ihr Heim verloren (und nicht nur das!), also versucht sie sich, eines dieser Häuser zu Nutze zu machen. Den selben Gedanken jedoch hatte jedoch auch schon Gary (zottelig und bisweilen nahe am Wahnsinn: Thorsten Danner). Ein seltsamer Kauz, fast könnte man glauben, kriegsgeschädigt.

So treffen die beiden eher zufällig als Hausbesetzer auf einander. Gary mit dem Traum von Ausstieg aus der Zivilisation, die er für sein Leid verantwortlich macht, Crystal mit dem Traum von Betty, ihrer 5-jährigen Tochter, die zur Zeit in einer Pflegefamilie lebt. Durch die Finanzkrise obdachlos geworden, hat sie letztlich auch noch durch eine unglückliche Fügung ihr Kind verloren. Mit einem neuen Zuhause allerdings, kann sie die Dame von der Fürsorge, Toni (resolut wie der personifizierte Amtsschimmel: Almut Henkel) vielleicht umstimmen. Und Gary wird ihr dabei helfen. Vielleicht aber auch der dubiose Charlie, der sein Geld seit Ausbruch der Krise mit „Lebensberatung“ verdient (oder als Ehemann von Patricia (irgendwie zerbrechlich: Ragna Pitoll). Charlie, die hoffnungsvollste und doch hoffnungsloseste Figur des ganzen Stückes, und einmal mehr mein Favorit – und daher auch kaum verwunderlich, dass er von Klaus Rodewald dargestellt wird (nach wie vor und nun noch mehr, mein Lieblingsdarsteller); wunderbar halbseiden, ein Schmierlappen, ein Schürzenjäger und doch der Einzige, dessen Hoffnung realistisch erscheint.

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Von Charlie hängt für Crystal viel ab: Kauft er ihr im bald schließenden Autohaus einen Wagen ab, kann sie mit der Provision noch mehr dazu beitragen, ihre Tochter wieder bei sich zu haben. Von ihm hat sie sich ebenso abhängig gemacht, wie von Gary. Und muss daher bis ans Äußerste gehen am Ende…

Laura Marks hat in ihrem aktuellen, zeitnahen Stück, nicht nur eben diese Probleme aufgegriffen, sondern mir auch wieder einmal klar gemacht, welche Rolle ich als Frau in der Gesellschaft habe. Alleine meine Existenz birgt eine Lebensschuld. Die kann ich nur tilgen, indem ich geschlechtslose Mutter bin, anrüchige Hure, manipulierendes Miststück oder höriges Etwas. Ich als Individuum werden von den Anderen, die in der Regel Männer sind oder Frauen mit männlichen Attributen [wie Crystals Chefin Shannon (Dascha Trautwein) in Autohaus], in dieser Welt hin und her gestoßen – wenn sie nicht aufbegehren und sich wehren. Dann könnte am Ende alles gut werden. Könnte…

Wann also mein Herz singt? Neuerdings sehr oft beim Besuch im Nationaltheater. So auch bei dieser Premiere. Wer also mal keinen Klassiker sehen will (wobei ich noch immer dringend zum Besuch der Wideraufnahme des „Zerbrochnen Krug„s rate!), der ist mit diesem Stück sehr gut dran.

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