Persönlich über das Schreiben schreiben

100_7334 Bernhard Schlink macht sich, wie jeder Autor, „Gedanken über das Schreiben„. Ich habe das E-book, das seine Heidelberger Poetikvorlesungen vom Mai/Juni 2010 enthält, mehrfach, sorgsam gelesen. Sorgsam deswegen, weil es doch ein sehr literarischer Text ist. Diese Art von Texten verdienen oft mehr Aufmerksamkeit. Man  kann nicht einfach über einen Satz lesen, denn er könnte die Kernaussage sein. Außerdem war es zeitlich aufwändiger, hier „Unterstreichungen“ vorzunehmen (ja, als Germanist ist man quasi zwanghaft veranlagt und markiert das, was gehaltvoll ist).

Die Lektüre hat sich für mich als Germanistin und als Autorin gelohnt. Es ist wunderbar, wie Schlink teilhaben lässt an Schreibprozessen, aber auch an Fragen, die sowohl die Literatur selbst, als auch die Leserschaft aufwerfen. Ich bin allerdings unsicher, ob sich die Lektüre daher auch für „Fachfremde“ als derart interessant gestaltet, da sie, trotz vieler Beispiele, doch sehr einer Vorlesung gleicht. Schlink widmete sich in diesen Vorlesungen vor allem den Fragen nach den Maximen des Schreibens und der Gültigkeit, die sie für ihn persönlich besitzen.  Das ist in der Tat ziemlich persönlich. Dabei unterscheidet er die Themenbereiche „Über die Vergangenheit schreiben“, „Über die Liebe schreiben“ und“Über die Heimat schreiben“. 

100_8497„Über die Vergangenheit schreiben“: Zunächst einmal ist „alles Schreiben […] Schreiben über die Vergangenheit“. Entscheidend hierbei ist das Wie. Schlink greift hierbei auch auf die alte Auseinandersetzung zurück, der zufolge es nach Auschwitz kein Gedicht mehr geschrieben werden könne. Für Schlink aber zählt dies: „Literatur ist war, wenn sie darstellt, was geschah oder hätte geschehen können. […]“. „Wir wollen, dass Literatur uns unsere Wirklichkeit erklärt und dass sie uns einlädt, uns in andere Wirklichkeiten hineinzuversetzen, die nicht die unseren sind. Wir lesen, weil wir das Leben derer, über die wir lesen, teilen wollen„. Umso wichtiger das Schreiben nach Auschwitz. Gerade erst „in der Begegnung mit den Geschehnissen und Gestalten der Literatur erfahren [wir], wer wir selbst sind„. „Das Erzählen der Geschichte verträgt keine andere Absicht als die, die Geschichte zu erzählen und sie wahrhaftig zu erzählen„. Aber Schlink weiß auch: „So über die Vergangenheit schreiben, dass niemand sich verletzt fühlt – es geht nicht„.

„Über die Liebe schreiben“ bedeutet zweierlei: Über körperliche Liebe zu schreiben und Liebe als Tätigkeit zu sehen. Es bedeutet aber auch, sich Fragen auszusetzen, wieso man genauso darüber geschrieben hat – und was man selbst dabei empfindet. Dabei stellt der Autor immer wieder fest, „wie verbreitet eine normative Vorstellung von richtiger Liebe ist„. „Über die Liebe schreiben heißt über die Lieben schreiben, die Liebe in ihrer Vielgestaltigkeit bewahren, sie vor dem normativen Zugriff schützen„. Dabei liebt jeder Autor seine Geschöpfe auf die eine oder andere, durchaus seltsame, Weise. Dies aber macht den Autor greifbar und verletzlich: „Wenn ich schreibe, gebe ich Einblick in mein Inneres, Eigenes, Privates, Intimes. Ich mache eine Tür zu mir auf […]„. Bernhard Schlink beschreibt dabei auch das Gefühl des „Schreibenmüssens“, das ich nur zu gut nachempfinden kann: „Es soll in der Welt sein, mag der literarische und finanzielle Erfolg größer oder kleiner sein. […]„. 

„Über die Heimat schreiben“. Schlinks Geschichten spielen oft in seiner Heimat Heidelberg. Auch ich erlebe, dass man Geschichten am besten dort spielen lassen kann, wo man sie sich vorstellen kann. Hierbei geht es auch um Erinnerungen. Schlink betrachtet diese Erinnerungen, besonders die der Kindheit, als Heimat. Doch diese Vorstellung alleine genügt ihm nicht. Er könne sich auch beim Schreiben in Orte hinein denken und ihnen heimatliche Gefühle entgegenbringen, wenn sie nicht unmittelbar damit verbunden seien. „Heimat ist ein anderer, ein größerer Zusammenhang zu dem wir uns verhalten, nach dem wir uns sehnen und von dem wir uns abwenden können. Heimat ist ein Gegenüber, selbst wenn es ein nicht fassbares, nicht erreichbares, ein utopisches Gegenüber sein sollte„.

Es ist spannend, diesen persönlichen Ausführungen über das Schreiben zu „lauschen“, aber auch komplexer, als es erscheint. Mein literarischer Höhepunkt diesen Sommer!

Alle Zitate sind dem E-book „Gedanken über das Schreiben“ entnommen.

Bernhard Schlink

Gedanken über das Schreiben, Diogenes
ISBN 978-3-257-60391-0

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s