Wie wünschen?

Diese Rezension hätte ich auch genauso gut überschreiben können mit „Wenn Wünsche wahr werden“ oder „Wehe, Wünsche“ oder „Wünsche und andere Extreme“ – denn mit all diesen Facetten spielt der Roman „Wünsche“ von Judith Kuckart. Ich habe mich dann doch für einen eher kritischen Ton entschieden. Denn ich glaube, das trifft den Kern des Romanes am besten. Denn es ist ein heikles Thema, das Wünschen. Von einem Wunsch (und doch eigentlich von sooo vielen) erzählt Kuckart. Auf 300 Seiten schildert die Autorin den Versuch von Vera, 46, aus ihrem alten Leben und den damit verbundenen Sehnsüchten auszubrechen. Im Schwimmbad stiehlt die Berufsschullehrerin die Besitztümer von Salomé Schreiner und hofft, auch deren Leben stehlen zu können. Aber irgendwie klappt die Loslösung vom alten Leben nicht ganz, obwohl Vera, die sich als Salomé ausgibt, sogar Deutschland verlässt und neu anzufangen versucht in London.

WünscheDrei „Akte“ hat der Roman, er gleicht also dem vereinfachten Drama. Akt 1: „Morgen, Mittag, Nachmittag, Nacht“ ist die Exposition, die Veras vermeintliches Dilemma und ihr altes Leben mit dem Leser vertraut macht. „Menschen, die man liebt, muss man das Recht einräumen, zu verschwinden. Wenigstens für eine Weile“, rechtfertigt Vera sich auf Seite 60.

Akt 2 stellt den Konflikt dar: „Januar bis September“ erzählt von Veras Sohn Jo, ihrem Ehemann, der Karatsch genannt wird, und allen anderen, die sie zurück gelassen hat. Von Veras Londonleben wird eher am Rande erzählt, was logisch ist, sie hat den Konflikt in Akt 1 bereits hinter sich gebracht und für Akt 2 einen neuen ausgelöst durch ihr wortloses Verschwinden in der Silvesternacht.

Letztlich findet in Akt 3 die Auflösung unter dem offenen Titel „Eines Tages“ statt. Vera kehrt zurück, während sich die Anderen auf die Suche nach ihr machen. Aber auch das löst einen neuerlichen Konflikt aus, dieses Mal einzig um Karatsch. Das Ende bleibt offen, wie so viele Wünsche (nicht nur die der Protagonisten).

Einziger Wermutstropfen des Romans  ist nur, dass Vera nicht die einzige Hauptfigur des Romanes bleibt.Logischerweise führt ihr Verschwinden zu Verwicklungen für ihre Mitmenschen. Verwunderlich ist aber, dass als Namensgeber für den Roman ein alter Freund Veras, Friedrich Wünsche, herhalten muss. Der nämlich erscheint eher als unscheinbare Randfigur, als tatenloser Liebender, der einfach da ist. Wohl gerade das ist es: Wünsche sind ja auch immer da. Sie kommen, bleiben und gehen verloren. „Ein neues Leben – welche Wünsche hätten Sie?“ fragt die Autorin und die ehrliche Antwort nach der Lektüre des Romans ist, dass es gut gehen möge, das Wünschen. Ich hätte das neue Leben Vera nämlich gegönnt. So bleibt die Ernüchterung, dass in sogar in den Romanwelten, die wir als heil betrachten, keiner aus seiner Haut kann und sich fügt.

Bild von Kuckart, Judith

Judith Kuckart
„Wünsche“, DUMONT Buchverlag
EUR 19,99
ISBN 978-3-8321-9705-6

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