Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

Frei nach R.E.M.: Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Davon schreibt Karen Thompson Walker in „Ein Jahr voller Wunder„.

Ein Jahr voller Wunder

Es ist ein nicht genau beziffertes Jahr, in dem die Ich-Erzählerin Julia 11 Jahre als ist – und sich alles verändert. Die Erde kommt irgendwie aus dem Tritt und von da an werden die Tage (und Nächte) länger. Das verändert nicht nur alle Lebensgewohnheiten, sondern auch alle Leben. Zuerst sterben die Vögel, dann die Fische und letztlich hat es Auswirkungen auf die gesamte Flora. Rückblickend erzählt die mittlerweile erwachsene Julia was sich in den Jahren ihrer Kindheit abgespielt hat. Ihr Leben nahe Hollywood ist nur ein Beispiel für die zahllosen (Menschen-)Leben weltweit. Immer wieder fragt sie sich, ob ihr die Dinge, die ihr widerfahren sind, auch dann widerfahren wären, wenn die Erde nicht eine andere geworden wäre.

Das, was da passiert ist, können sich auch die Wissenschaftler nicht herleiten. Man nennt es „die Verlangsamung“. Es beginnt damit, dass ein Tag 56 Minuten dazu gewonnen hat. Nicht nur Flora und Fauna leiden, auch Menschen erkranken an einem unheilbaren und mysteriösen Syndrom. Und trotzdem müssen Alltage eingehalten und angepasst werden an die neue Erde. Am Ende sind es Wochen, welche die Menschen abwechselnd in Licht oder Dunkelheit verbringen. Fast ein Symbol dafür, wie die Menschen leben als die Macher ihrer eigenen Katastrophen: Julias Vater hat eine Affäre, Julia selbst ist zum ersten Mal verliebt, Freundschaften enden… Leben müssen gelebt werden. Und das, obwohl niemand weiß, wie es weiter gehen wird.

Karen Thompson Walker hat eine wunderbare Geschichte geschrieben, bisher eines meiner Lesehighlights. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist selten schöner verpackt worden. Dieses Jahr habe ich noch nicht so gefesselt an einem Buch gehangen – und ich hänge sehr an Büchern und lasse mich auch schnell begeistern. Bei „Ein Jahr voller Wunder“ habe ich eine Nacht und einen Nachmittag gelesen. Am Ende war ich ernüchtert, dass es so schnell zu Ende war (aber ich war ja selbst Schuld!). Ein bittersüßer Geschmack blieb davon. Julias Geschichte hat mich gefesselt, was vielleicht nicht nur an dem apokalyptischen Hintergrund liegt. Es hat mir gefallen, dass die Autorin nicht unzählige Seiten mit horrorszenarien angehängt hat, es reicht, dass das Ende offen bleibt und der Leser schon ein Gefühl für die Veränderung der Welt bekommen hat. Aber nicht nur das war bittersüß, sondern dieses mulmige Gefühl, dass so etwas durchaus passieren kann, ja, warum nicht, es ist doch so vieles möglich. Dem folgt der unausweichliche Gedanke: Hoffentlich habe ich (oder: haben WIR) noch Zeit, die Dinge zu erledigen, die wirklich wichtig sind.

Karen Thompson Walker

Ein Jahr voller Wunder 

ISBN: 978-3-442-75363-5
€ 19,99

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